Domina Lady Salome, Berlin

Domina Lady Salome
Domina Lady Salome

Die Interviews, die ich fĂŒhre, sind wie Überraschungspakete. Man weiß nie vorher, was drinnen ist. In seltenen FĂ€llen ist die Verpackung leider opulenter als der Inhalt. Schöne Hochglanzfotos, aber wenig dahinter. Bei Lady Salome aus Berlin ist das nicht der Fall. Im Gegenteil: Hier lassen die Hochglanzfotos hoffen, werden aber von den Antworten sogar noch in den Schatten gestellt. Lady Salome hat nicht nur ein Ă€ußerst ansprechendes Äußeres, sondern verfĂŒgt auch ĂŒber Intellekt und Tiefgang. Eine ĂŒberaus reizvolle Kombination. Mit anderen Worten: Dieses Interview solltet Ihr unbedingt lesen. Am besten zweimal. 

Lady Sas: Liebe Salome, bitte beschreibe uns, wie Du auf den bizarren Bereich aufmerksam geworden bist und Dich zur Domina entwickelt hast.  

Lady Salome: Erstaunlicherweise war mein erster Zugang zum Thema BDSM ein theoretischer. Damals habe ich mich im Rahmen meines Studiums mit der sogenannten „sexuellen Perversion als erotischer Form des Hasses“ beschĂ€ftigt und merkte nach und nach beim Studieren der Schriften, dass mein Interesse am Sadomasochismus sich nicht auf die bloße Theorie beschrĂ€nkte. Ich fing an Shibari- und Fesselkurse und BDSM-Veranstaltungen (wie Folsom oder die Berliner Osterkonferenz) zu besuchen und traf privat viele sehr inspirierende Menschen aus der BDSM-Subkultur. 

So begann meine Reise und die bunte und facettenreiche Welt des BDSM zog mich – auch sehr persönlich – in seinen Bann und hĂ€lt bis zum heutigen Tage noch immer Überraschungen fĂŒr mich bereit. Heute wĂŒrde ich sagen, dass Per-Versionen (also die Umkehrung oder Verkehrung) nicht eine Form von Hass ist, sondern die Synthese von grundsĂ€tzlich GegensĂ€tzlichem, wie Freiheit und Zwang, Angst und Vertrauen, Liebe und Hass – und eben diese Spannungsfelder halten mein Interesse aufrecht.

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Interview mit Lady Salome aus Berlin

Lady Sas: Verbindest Du mit Deinem Namen Salome eine bestimmte Philosophie oder Aussage? 

Lady Salome: Es gibt drei an der Zahl, die mich inspirierten: Bei der alttestamentarischen Salome, die mit dem Tanz der sieben Schleier den Kopf des Johannes forderte, ist es die implizite LoyalitĂ€t zur Mutter; bei der mit Nietzsche befreundeten Lou Salome, die Eigen- und SelbststĂ€ndigkeit und bei der JĂŒngerin Salome, dieser Satz, den Jesus an sie richtete: â€žAus diesem Grunde teile ich dir mit, wenn jemand ganz ist, wird er mit Licht erfĂŒllt werden, doch wenn jemand geteilt ist, wird er voller Dunkelheit sein.“ (Thomas Evangelium, Apokryphen )

Lady Sas: Was reizt Dich daran, als Profi-Domina zu arbeiten? 

Lady Salome: Als Profi-Domina zu arbeiten ist eine sehr abwechslungsreiche TĂ€tigkeit, in der so etwas wie Routine nicht aufkommt. Da ich psychologisch sehr interessiert und neugierig bin, mag ich es, dass Menschen sich mir öffnen und hingeben, mir ihre intimsten Geheimnisse anvertrauen und deren ErfĂŒllung in meine HĂ€nde legen. Ich liebe es, die IntimitĂ€t und das Begehren meines GegenĂŒbers zu spĂŒren. Die Poesie eines einzelnen Augenblicks kann betörend sein. Und nicht zuletzt mag ich die grenzenlose Fallen von BeschrĂ€nkungen in einer SM-Session, denn um wieviel wertvoller und wahrhaftiger ist das Streicheln einer Hand, wenn sie dich auch schlagen könnte?

Lady Salome
Lady Salome

„Professional Bondage and Roleplay Artist“

Lady Sas: Du beschreibst Dich selbst als „Professional Bondage and Roleplay Artist, Sexpositive Feminist, Sexwork Activist“. ZunĂ€chst interessiert mich der kĂŒnstlerische Aspekt: Inwiefern siehst Du Dich als KĂŒnstlerin?

Lady Salome: Kunst bedeutet nicht nur Schönheit, sondern hat auch immer etwas Verstörendes, etwas, das ĂŒber das Bekannte hinaus geht und neue Perspektiven schafft, die das Bestehende verĂ€ndert und ein emanzipatorisches Potential in sich trĂ€gt. BDSM trĂ€gt ein solches Potential in sich. 

Ich folge keinem erlernten Schema, jede Session ist individuell und es erstaunt mich selbst immer wieder aufs Neue, mit welchen Themenfeldern und Szenarien sich meine Arbeit beschĂ€ftigt. Es ist ein wenig wie Improvisationstheater: Requisiten, Kleidung, Styling, Handlungsstrang und Spannungskurven mĂŒssen angepasst werden und sind sehr individuell. Ob böse MĂ€rchen-Königin oder verspielte Elfe, ob eifersĂŒchtige Ehefrau oder korrupte Doppel-Agentin etc., ich mag die Rollenvielfalt in meiner Arbeit und liebe es, neue Themenfelder zu inszenieren. Die AuffĂŒhrung ist ohne Publikum. Und dennoch ist es Kunst.

Lady Sas: Was hĂ€ltst Du vom neuen Prostitutionsschutzgesetz und was bedeutet das ProstSchG konkret fĂŒr Dich?

Lady Salome: In erster Linie hat es eine tieferliegende persönliche Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Bedeutung von Sexarbeit bewirkt. Noch immer gibt es diese große Diskrepanz zwischen dem gesellschaftlichen stigmatisierenden Unwerturteil und der ganz konkreten Anerkennung im persönlichen Kontakt zwischen den Beteiligten. Ich spĂŒre, dass ich etwas Wertvolles gebe, sehe das Funkeln in den Augen und das LĂ€cheln im Gesicht nach und wĂ€hrend einer Session, auch Dankbarkeit fĂŒr die Möglichkeit, einen Traum wahr werden zu lassen und zu leben. Das beflĂŒgelt mich, schon wĂ€hrend einer Session bin ich energetisch stĂ€rker. 

Mit dem offiziellen Wort „Prostitution“ verbindet die Mehrheit der Gesellschaft Anderes. Ich finde nicht nur diesen Begriff falsch, sondern auch die Vorgehensweise der Behörden und Politik, denn konkret bedeutet das Gesetz eine weitere Möglichkeit von Gewalt gegenĂŒber Sexarbeitern. Das Damokles-Schwert des ungewollten Zwangsoutings in einer erotikfeindlichen, moralisierenden Gesellschaft hĂ€ngt ĂŒber unseren Köpfen und was wird erst sein, wenn sich der politische Wind dreht?

Domina Salome

Herrin Salome

„Erotik und SexualitĂ€t fĂŒhren in unserer Gesellschaft immer noch ein Schattendasein.“ – Lady Salome

Lady Sas: Welche weiteren Themen liegen Dir als Feministin und Sexwork-Aktivistin besonders am Herzen?

Lady Salome: Ich wĂŒnsche mir, dass Frauen ihr sexuelles Potential leben und bejahen können. Denn unser sexuelles Streben, unsere geheime Phantasie ist der intime Kern unseres Seins und birgt nicht nur Befriedigung, sondern auch heilsame Entwicklungsimpulse fĂŒr unsere Persönlichkeiten. Erotik und SexualitĂ€t fĂŒhren in unserer Gesellschaft immer noch ein Schattendasein. Das ist sehr traurig und die Abolitionistinnen vergessen, dass Frauen durch ihre Anziehung schon an sich eine erotische Macht ĂŒber MĂ€nner haben. 

In der Sexarbeit und insbesondere bei der Arbeit als ProfiDom schwingt dies immer mit, denn hier bezahlen meine Klienten fĂŒr meine Zeit, Aufmerksamkeit und erotische/menschliche/körperliche Zuwendung, kurz fĂŒr die Realisierung ihres erotischen Traumes. Wir verkaufen nicht unsere Körper, wir sind auch keine Waren. Dies ist eine objektivizierte, pervertierte Sicht auf SexarbeiterInnen. Denn am Ende begegnen sich immer zwei Subjekte, die in einen Aushandlungsprozess an dem alle Beteiligten Interesse haben, treten. In der Sexarbeit ist es normal, dass ĂŒber SexualitĂ€t sehr intim und detailliert gesprochen wird. Auch Grenzsetzung ist ein Thema. Effektive Grenzsetzung kann nur betreiben, wer sich selbst erkannt hat und sich annimmt.

Feminismus kann nicht bedeuten, dass wir Frauen uns einer neuen Doktrin zu beugen haben. Ablehnung und Begrenzung von weiblichen Leidenschaften kann nicht die Antwort sein. FĂŒr mich ist die Frau eine Feministin, die erstens das tut, was sie will und zweitens fĂŒr die Freiheit und StĂ€rkung von Frauen eintritt. Und zwar fĂŒr alle Frauen und nicht nur die  gesellschaftlich und „moralisch“ Braven.

Lady Sas: Hat sich Deine Sicht auf MÀnner durch Deine TÀtigkeit als Domina verÀndert? Und wenn ja, wie?

Lady Salome: Meine Sicht auf MĂ€nner hat sich durch meine Arbeit als Domina im Großen und Ganzen nicht verĂ€ndert. NatĂŒrlich ist mein Erfahrungshorizont ungleich gewachsen, meine Sicht ist differenzierter und ich habe ein feineres GespĂŒr fĂŒr die auch unausgesprochenen BedĂŒrfnisse meines GegenĂŒber entwickelt. Die meisten MĂ€nner, die mir im Rahmen meiner Arbeit begegnen, sind sehr respektvoll und oft sogar etwas nervös und aufgeregt. Das (be)rĂŒhrt mich und zeigt mir, wie wichtig meine Arbeit fĂŒr sie ist.

Lady Sas: Was kannst Du uns ĂŒber die Domina-Studios in Berlin sagen? 

Lady Salome: Ich habe fĂŒr mich den perfekten Arbeitsplatz im Studio LUX gefunden. Hier finde ich das Herzblut fĂŒr unsere TĂ€tigkeit, ein Feuer, das sich in der Ausgestaltung und Ausstattung der RĂ€ume widerspiegelt und den Willen, zu fairen Konditionen ArbeitsplĂ€tze zu schaffen. Hier werden Inspirationen aller Teammitglieder mit einbezogen und umgesetzt, ein menschlicher und respektvoller Umgang auf Augenhöhe gepflegt. Hier setzt man auf Vertrauen statt auf Kontrolle, auf SelbststĂ€ndigkeit statt auf Bevormundung. Hier ist man gleichberechtigte Mieterin und nicht Pseudoangestellte. Leider ist das in unserer Branche noch kein Standard. Es gibt also noch viel zu tun.

Femdom

„Ich sitze am Klavier und spiele mich in Trance.“ – Lady Salome

Lady Sas: Was machst Du in Deiner Freizeit? 

Lady Salome: In meiner Freizeit sieht man mich oft mit verschiedenen Themen intensiv beschĂ€ftigt, entweder recherchiere ich am Laptop oder schmökere in einem Buch. Manchmal packt mich die Lust am Zeichnen oder ich sitze am Klavier und spiele mich in Trance.

Aber man findet mich ebenso auf der Überholspur mit meinem Motorrad, auf dem Schießstand oder in unseren WĂ€ldern auf abenteuerlicher Erkundungstour mit meinem besten Freund – meinem Hund.

Lady Sas: Wie sehen Deine PlĂ€ne fĂŒr die Zukunft aus?

Lady Salome: Man darf gespannt sein. Auch ich habe vor mich neuen inhaltlichen Themen zu widmen.

Lady Sas: Vielen Dank fĂŒr Deine Zeit.

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